Zum Inhalt springen

FM-Solutionmaker: Gemeinsam Facility Management neu denken

Turbolenzkriterien Großbauvorhaben

Facility Management: Planungs- und Baubegleitung » Strategie » Phase: Strategische Planung » Turbolenzkriterien

Turbulenzkriterien bei Großbauvorhaben mit gemischter Nutzung

Großbauprojekte im industriellen Umfeld sind durch hohe Komplexität und enge Verzahnung von Bau-, Technik- und Nutzeranforderungen gekennzeichnet. Dies gilt besonders für einen Standort mit Verwaltung, Laboren, Fertigung, Hochregallager und Betriebsgastronomie. Eine erfolgreiche Umsetzung erfordert ein durchdachtes Konzept zur Bewältigung möglicher „Turbulenzen“, also kritischer Herausforderungen oder Störfaktoren, die den Projektverlauf in puncto Zeit, Kosten und Qualität beeinflussen können. Die erfolgreiche Realisierung eines Großbauvorhabens im industriellen Kontext mit vielfältigen Nutzungsanforderungen setzt eine bewusste Auseinandersetzung mit möglichen Turbulenzen voraus.

Funktionale Leistungsbeschreibung und Leistungsumfang

Leistungsbeschreibung und Leistungsumfang

Bei der funktionalen Leistungsbeschreibung legt der Auftraggeber die gewünschte Funktionalität fest, ohne alle technischen Details vorab zu definieren. Dies bietet Vor- und Nachteile: Einerseits kann der Auftragnehmer sein Fachwissen nutzen, andererseits steigen Nachtragsrisiken, wenn Anforderungen nicht klar formuliert sind oder sich im Projektverlauf ändern. Besonders bei technisch anspruchsvollen Bereichen wie Labor- und Fertigungsflächen ist die Gefahr hoch, dass spätere Änderungen auftreten.

Risiken und Auswirkungen

  • Unklare Schnittstellen: Können zu Nachträgen, Budgetüberschreitungen und Terminverzögerungen führen.

  • Scope Creep: Nutzer wünschen zusätzliche Funktionen, die anfangs nicht vorgesehen waren.

  • Vertragsstreitigkeiten: Bei lückenhaften Spezifikationen kommt es häufig zu Auslegungsdifferenzen.

Lösungen und Best Practices

  • Abgrenzungsmatrix: Detaillierte Darstellung der Schnittstellen zwischen Bauherr, Generalunternehmer und Nutzern.

  • Ergänzende Pflichtenhefte: Für spezialisierte Bereiche wie Laboreinrichtung oder Sondertechnik.

  • Change-Management-Prozess: Klare Regeln und Verfahren für Änderungen, einschließlich Dokumentation und Freigaben.

  • Frühe Nutzerintegration: Alle relevanten Funktionsanforderungen in der Planungsphase erfassen und priorisieren.

IT-Anbindung und Informationssicherheit

Moderne Industriebauten integrieren zahlreiche IT-Systeme: Zutrittskontrolle, Lager- und Produktionssteuerung (z. B. via ERP), Labor- und Prüftechnik, Gebäudemanagement und mehrere Apps. Hinzu kommen hohe Anforderungen an Datenschutz und Informationssicherheit, da personenbezogene Daten und sensible Produktionsinformationen verarbeitet werden.

Risiken und Auswirkungen

  • Verspätete Einbindung der IT: Kollision zwischen baulichen und IT-Anforderungen (z. B. fehlende Kabeltrassen, Serverraum-Klimatisierung).

  • Datenschutzkonflikte: Unzulässige Verarbeitung personenbezogener Daten (z. B. Zutrittskontrolle) kann zu Projektstopps oder Betriebsrats-Einsprüchen führen.

  • Cyber-Risiken: Ungesicherte Systeme oder mangelnde Netzwerksegmentierung eröffnen Angriffspunkte.

Lösungen und Best Practices

  • IT-Koordinator: Frühzeitige Einbindung eines IT-Verantwortlichen in das Projektteam, der Anforderungen an Infrastruktur, Hardware, Software und Security steuert.

  • Integriertes Sicherheitskonzept: Berücksichtigung von Datenschutz und Informationssicherheit (Verschlüsselung, Zugriffsrechte).

  • Phasenweiser Integrationstest: Rechtzeitiges Testen aller IT-Schnittstellen vor Abnahme.

  • Dokumentation der IT-Systeme: Gemeinsame Datenbasis (z. B. in einem BIM-Modell oder separaten Systemlisten).

Nutzerausbau über Generalunternehmer

In vielen Fällen wünschen Nutzergruppen (Verwaltung, Produktion, Labor) spezifische Anpassungen. Häufig fallen diese Leistungen aus dem Standard-GU-Umfang heraus und werden selbst vergeben. Daraus ergeben sich Koordinationsaufwände („Baustellen in der Baustelle“).

Risiken und Auswirkungen

  • Termin- und Kostenrisiken: Zusätzliche Abstimmung mit Fremdfirmen der Nutzer führt zu Mehrkosten oder Verzögerungen.

  • Qualitätsverluste an Schnittstellen: Wenn etwa Laborinstallationen nicht exakt zu den TGA-Anschlüssen passen.

  • Nachtragsdiskussionen: Falls Teile des Nutzerausbaus doch im GU-Paket enthalten sind und nicht klar abgegrenzt wurden.

Lösungen und Best Practices

  • Leistungsverzeichnis mit optionalen Positionen: Klare Definition, welche Ausbauten der GU übernimmt und welche nicht.

  • Einrichtung eines Nutzerkoordinators: Zwischen Projektleitung und Nutzergruppen, um Anforderungen zu bündeln.

  • Zentraler Bauzeitenplan: Abstimmung aller Ausbauphasen, um Überschneidungen zu reduzieren.

  • Vertragliche Integration: Soweit möglich, kritische Nutzerausbauten an den GU vergeben (weniger Schnittstellen).

Bündelung von Lieferungen und Leistungen

Um den Koordinationsaufwand zu verringern, neigen Bauherren dazu, Leistungen zu bündeln und in größeren Paketen zu vergeben. Das schafft Mengenvorteile, reduziert die Anzahl von Schnittstellen und spart Vergabeaufwände. Andererseits steigt das Risiko eines „Single Point of Failure“, wenn ein Großauftragnehmer in Verzug gerät.

Risiken und Auswirkungen

  • Geringerer Wettbewerb: Größere Pakete führen oft zu weniger potenziellen Bietern.

  • Abhängigkeit von wenigen Auftragnehmern: Leistungsverzug oder Insolvenz eines großen Auftragnehmers betrifft das gesamte Projekt.

  • Logistikprobleme: Bei Sammellieferungen können Lagerflächen oder Zeitfenster auf der Baustelle knapp werden.

Lösungen und Best Practices

  • Strategische Vergabepakete: Bündeln, wo technisch sinnvoll, aber Fachgewerke trennen, die sehr spezialisiert sind.

  • Logistikkonzept: Just-in-time-Lieferungen, definierte Anlieferfenster, um Engpässe zu vermeiden.

  • Risikobewertung: Sicherheiten (z. B. Bürgschaften) und Bonitätsprüfungen bei großen Auftragnehmern.

  • Pufferzeit und Alternativlieferanten: Für besonders kritische Komponenten.

Nutzerplanung und „Baustellen in der Baustelle“

Neben dem eigentlichen Bau verändern sich häufig auch die Planungen der Nutzergruppen (neue Prozessabläufe, Umbauten in der Produktion). Solche laufenden Veränderungen während der Bauphase erfordern ein straffes Änderungsmanagement.

Risiken und Auswirkungen

  • Bauablaufstörungen: Ständiges Umdisponieren, Rückbau bereits realisierter Leistungen, Terminverschiebungen.

  • Kostensteigerung: Jeder Änderungswunsch im laufenden Bau führt zu Nachträgen oder teuren Ad-hoc-Lösungen.

  • Konflikte zwischen Nutzer und Bauherr/Planer: Wenn Änderungsprozesse unzureichend gesteuert werden.

Lösungen und Best Practices

  • Formale Änderungsprozesse: Festlegung von Deadlines, Freigabewegen und Dokumentation jeder Änderung.

  • Frühe Kommunikationsforen: Regelmäßige Nutzerworkshops, um Bedarfe rechtzeitig zu erkennen.

  • Teilprojektleitung „Nutzerbelange“: Eine klare Rolle, die alle Interessen sammelt und bündelt.

  • Eskalationskanal: Klare Instanz für strittige Änderungen (z. B. ein Steuerkreis).

Begrenzte Einkaufsressourcen (Beschaffungskapazität)

Der Einkauf sieht sich bei Großprojekten häufig mit einem hohen Volumen an Ausschreibungen und Verhandlungen konfrontiert. Ist das Team klein oder unerfahren, drohen Vergabeverzögerungen und Fehlentscheidungen unter Zeitdruck.

Risiken und Auswirkungen

  • Kostenanstieg: Durch zeitintensive Nachverhandlungen, mangelnden Wettbewerb oder zu hohe Einheitspreise.

  • Terminkonflikte: Kritische Gewerke lassen sich erst spät beauftragen.

  • Qualitätsmängel: Eingeschränkte Prüfung der Bieterqualifikation oder Vertragsinhalte.

Lösungen und Best Practices

  • Standardisierte Templates: Schnelleres und rechtssicheres Arbeiten durch erprobte Vertrags- und Ausschreibungsmuster.

  • Priorisierter Vergabeplan: Kritische Gewerke früh ausschreiben, weniger drängende Leistungen später.

  • Externe Unterstützung: Interim-Einkäufer oder ein Fachbüro hinzuziehen, wenn interne Kapazitäten nicht ausreichen.

  • Claim-Management: Einrichtung eines strukturierten Prozesses für Nachtragsprüfung und Verhandlung.

Mitbestimmung und Information

In Unternehmen mit Betriebsrat oder Personalrat bestehen Mitbestimmungsrechte hinsichtlich Arbeitsbedingungen, technischer Einrichtungen (z. B. Zutrittskontrolle) und Umstrukturierungen. Eine unzureichende Einbindung kann zu Konflikten und Verzögerungen führen.

Risiken und Auswirkungen

  • Projektblockaden: Ein Betriebsrat kann Maßnahmen zeitweise stoppen, wenn seine Mitbestimmungsrechte verletzt werden.

  • Mitarbeiterakzeptanz: Negative Stimmung und Widerstand gegen Umzug, neue Arbeitsplätze oder Schichtmodelle.

  • Datenschutzkonflikte: Besonders bei sensiblen IT- oder Zutrittslösungen.

Lösungen und Best Practices

  • Frühe Einbindung des Betriebsrats: Regelmäßige Projekt-Updates und Einbindung in Planungsentscheidungen.

  • Transparente Kommunikation: Informationsveranstaltungen für die Belegschaft, Newsletter, Projektupdates.

  • Nutzergruppen-Arbeitskreise: Offene Foren zur Gestaltung von Arbeitsplätzen und Prozessen.

  • Klare Betriebsvereinbarungen: Für alle mitbestimmungspflichtigen Sachverhalte (z. B. Umgang mit biometrischen Daten).

Quartierentwicklung im Facility Management

Ein Industrieneubau in einem sich entwickelnden Quartier ist oft abhängig von externer Erschließung (Straßenbau, Kanalisation, Energieversorgung). Verzögerungen durch städtische Maßnahmen oder Genehmigungsverfahren können die Inbetriebnahme gefährden.

Risiken und Auswirkungen

  • Abhängigkeit von externer Infrastruktur: Baustopp oder eingeschränkte Nutzung möglich, wenn Straße oder Kanal nicht rechtzeitig verfügbar ist.

  • Genehmigungsrisiken: Lange Bearbeitungszeiten für wasserrechtliche Zulassungen oder Erschließungsverträge.

  • Zusätzliche Kostenbeteiligungen: Z. B. an zentralen Infrastrukturmaßnahmen der Stadt.

Lösungen und Best Practices

  • Frühzeitige Abstimmung mit Behörden: Regelmäßige Jour-Fixe-Termine mit der Stadt- bzw. Quartiersentwicklung.

  • Vertragliche Fixierung: Städtische Erschließungs- und Bereitstellungspflichten mit klaren Terminen.

  • Puffer für Anschlussarbeiten: Zeitliche Reserve für Inbetriebnahme kritischer Medien (Strom, Wasser, Abwasser).

  • Alternativszenarien: Übergangslösungen (z. B. temporäre Baustraßen, Notstromaggregate).

Umzug, Schwerlast und Bestandsmitnahme

Oft werden bestehende Maschinen, Laborgeräte oder Lagerregale in den Neubau überführt. Schwerlasttransporte und empfindliche Anlagen fordern detaillierte Planung und Abstimmung mit Spezialfirmen. Ein ungeplanter Ausfall kann die Produktion erheblich beeinträchtigen

Risiken und Auswirkungen

  • Produktionsausfälle: Wenn der Umzug länger dauert als kalkuliert.

  • Maschinenschäden: Falsche Handhabung kann teure Maschinen dauerhaft beeinträchtigen.

  • Lückenhafte Anschlussplanung: Fehlende Statikvorrüstung oder Anschlüsse im Neubau.

Lösungen und Best Practices

  • Eigenes Umzugs-Teilprojekt: Genaue Ablaufplanung für De- und Remontage, Transporte, Wiederinbetriebnahme.

  • Speziallogistiker beauftragen: Externe Firmen mit Erfahrung in Maschinenumzügen oder Laborequipment.

  • Fallback-Szenarien: Alter Standort vorübergehend weiter nutzbar lassen, bis neue Anlagen stabil laufen.

  • Koordination mit Baufortschritt: Rechtzeitige Fertigstellung von Aufstellflächen, Bodenverstärkungen, Anschlusspunkten.

Parallelbetrieb alter und neuer Strukturen

Während Teile des neuen Standorts bereits in Betrieb gehen, läuft am alten Standort die Produktion oder Verwaltung weiter. Das führt zu organisatorischen Doppelstrukturen und erhöhtem Kommunikationsaufwand.

Risiken und Auswirkungen

  • Mehrkosten: Doppelte Betriebskosten für zwei Standorte über die Übergangsphase.

  • Fehleranfälligkeit: Unklare Zuständigkeiten, Daten- und Informationsbrüche.

  • Längere Übergangsphasen: Bei ungeplanten Störungen im Neubau zieht sich der Parallelbetrieb in die Länge.

Lösungen und Best Practices

  • Stufenplan für den Umzug: Schrittweises Hochfahren des neuen Standorts bei gleichzeitiger Reduzierung des alten.

  • Klare Verantwortlichkeiten: Getrennte Teams für Alt- und Neustruktur, regelmäßige Abstimmungstermine.

  • IT-Datenmigration: Genaue Planung zur Systemumstellung (z. B. Produktionsdaten, Lagerverwaltung).

  • Begrenzte Zeiträume: Meilensteine definieren, ab wann alter Standort definitiv stillgelegt wird.

Mehrfachbelastung im Facility Management

In großen Projekten entsteht oft erheblicher Zusatzaufwand für Planer, Führungskräfte und Mitarbeiter. Parallel läuft das Tagesgeschäft, sodass Überlastung, Stress und steigende Krankenstände drohen.

Risiken und Auswirkungen

  • Leistungseinbußen: Konzentrationsfehler, Abnahme der Motivation, Burnout-Risiken.

  • Engpässe bei Schlüsselpersonen: Wenn wichtiges Projektwissen an einzelne Mitarbeiter gebunden ist.

  • Zeitliche Verschiebungen: Aufgaben liegen brach, wenn Personen krankheitsbedingt ausfallen.

Lösungen und Best Practices

  • Ressourcenplanung mit Puffer: Stellvertretungen definieren, Doppelbesetzungen von Schlüsselrollen.

  • Arbeitszeitregelung: Überstunden begrenzen oder ausgleichen, rechtzeitig Zusatzkapazitäten einbinden.

  • Kommunikation und Wertschätzung: Anerkennung von Mehrarbeit, regelmäßige Feedback-Gespräche.

  • Gesundheitsprävention: Schulungen zu Stressmanagement, Pausen- und Erholungsangebote.

Positives Mindset im Projektteam

Zahlreiche Turbulenzen, hoher Zeitdruck und Konflikte können die Stimmung im Team belasten. Ein negatives Mindset wirkt sich unmittelbar auf die Motivation, die Lösungsorientierung und somit auf den Projekterfolg aus.

Risiken und Auswirkungen

  • Demotivation: Erhöhter Krankenstand, Fluktuation, schwache Performance.

  • Blockierte Kommunikation: Probleme werden zu spät oder gar nicht angesprochen.

  • Erhöhte Fehlerquote: Pessimismus und Resignation senken die Aufmerksamkeit für Qualität.

Lösungen und Best Practices

  • Aktive Führung: Projekt- und Teilprojektleiter sollten eine konstruktive, lösungsorientierte Atmosphäre fördern.

  • Fehlerkultur: Offener Umgang mit Pannen, um rasch Lösungen zu finden, statt Schuldige zu suchen.

  • Team-Building-Aktivitäten: Gemeinsame Erfolge feiern, Workshops für Konflikt- und Stressmanagement.

  • Transparenz und Einbeziehung: Regelmäßige Projektupdates, Erfolge sichtbar machen.

Planungsfehler und -lücken

  • Gegenmaßnahmen: Frühzeitige externe Checks, Kollisionsprüfungen, ausreichende Planungszeit.

Externe Einflüsse und Genehmigungen

  • Gegenmaßnahmen: Vorausschauende Behördenkommunikation, Pufferzeiten für behördliche Verfahren.

Umweltrisiken (Altlasten, Wetterextreme)

  • Gegenmaßnahmen: Detailgutachten zum Baugrund, Notfallpläne bei Schlechtwetter oder Bodenproblemen.

Lieferketten und Materialengpässe

  • Gegenmaßnahmen: Ausweichprodukte, langfristige Rahmenverträge, Preisgleitklauseln.

Dokumentations- und Abnahmerisiken

  • Gegenmaßnahmen: Durchgängiges Qualitäts- und Dokumentationsmanagement, klare Abnahmeprozesse.